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Spiritus conta Spiritum: Geist gegen Weingeist oder Höhere Macht gegen Alkohol - das ist der Kernsatz eines Briefes, den der berühmte Tiefenpsychologe Prof. Dr. Carl Gustav Jung am 30. Januar 1961 an AA-Gründer Bill Wilson schrieb.Der Link führt zu eine Kopie des Originals in englisch, dann der Originaltext, weiter unten meine deutsche Übersetzung:
http://www.barefootsworld.net/jungletter.html
Hier der Text:
Dear Mr. Wilson,
Your letter has been very welcome indeed.
I
had no news from Roland H. anymore and often wondered what has been his
fate. Our conversation which he had adequately reported to you had an
aspect of which he did not know. The reason, that I could not tell him
everything, was that those days I had to be exceedingly careful of what
I said. I had found out that I was misunderstood in every possible way.
Thus I was very careful when I talked to Roland H. But what I really
thought about, was the result of many experiences with men of his kind.
His craving for alcohol was the equivalent on a low level of the
spiritual thirst of our being for wholeness, expressed in medieval
language: the union with God.
How could one formulate such an insight in a language that is not misunderstood in our days?
The only right and legitimate way to such an experience is, that it
happens to you in reality and it can only happen to you when you walk
on a path, which leads you to a higher understanding. You might be led
to that goal by an act of grace or through a personal and honest
contact with friends, or through a higher education of the mind beyond
the confines of mere rationalism. I see from your letter that Roland H.
has chosen the second way, which was, under the circumstances,
obviously the best one.
I am strongly convinced that the evil principle prevailing in this
world, leads the unrecognized spiritual need into perdition, if it is
not counteracted either by a real religious insight or by the
protective wall of human community. An ordinary man, not protected by
an action from above and isolated in society cannot resist the power of
evil, which is called very aptly the Devil. But the use of such words
arouse so many mistakes that one can only keep aloof from them as much
as possible.
These are the reasons why I could not give a full and sufficient
explanation to Roland H. but I am risking it with you because I
conclude from your very decent and honest letter, that you have
acquired a point of view above the misleading platitudes, one usually
hears about alcoholism.
You see, Alcohol in Latin is “spiritus” and you use the same word
for the highest religious experience as well as for the most depraving
poison. The helpful formula therefore is: spiritus contra spiritum.
Thanking you again for your kind letter.
I remain yours sincerely,
C.G. Jung
deutsch:
Lieber Mister Wilson,
ihr Brief war mir sehr willommen.
Ich habe nichts 'Neues mehr von Roland H. gehört und mich oft gefragt, was sein Schicksal sein mag. Unsere Unterhaltung, die er Ihnen angemessen wiedergegeben hat, hatte einen Aspekt, den er nicht kannte.Der Grund, dass ich ihm nicht alles sagen konnte war, dass ich in dieser Zeit äussert vorsichtig sein musste mit dem, was ich sagte. Ich hatte erfahren, dass ich in jeder denkbaren Weise missverstanden wurde. Deswegen war ich sehr vorsichtig, wenn ich mit Roland H. sprach. Aber was ich wirklich darüber dachte, war das Ergebnis von vielen Erfahrungen mit Menschen seiner Art.
Sein Verlangen nach Alkohol war auf einem niedrigen Niveau das Gleiche wie der spirituelle Durst unseres Strebens nach Ganzheit, in mittelalterlicher Sprache: das Streben nach Gott.
Wie kann man solche Einsicht so formulieren, dass sie in unserer Zeit nicht missverstanden wird?
Der einzig rechte und legitime Weg zu solch einer Erfahrung ist, dass es in der Realität passiert und es kann nur geschehen, wenn Du auf einem Pfad gehst, der dich zu einem höheren Verständnis führt. Du könntest zu diesem Ziel geführt werden durch einen Akt der Gnade oder durch ehrlichen und persönlichen Kontakt zu Freunden oder durch eine höhere Bildung des Geistes jenseits der Grenzen des blossen Rationalismus. Aus Ihrem Brief sehe ich, dass Roland H. den zweiten Weg gewählt hat, der unter diesem Umständen zweifellos der beste war.
Ich bin fest überzeugt, dass das böse Prinzip, das in dieser Welt vorherrscht, ein nicht erkanntes spirituelles Bedürfnis ins Verderben führt, wenn ihm nicht durch eine tiefe religiöse Einsicht oder einen Schutzwall menschlicher Gemeinschaft entgegengewirkt wird. Ein gewöhnlicher Mensch, nicht geschützt durch eine Tat von oben und isoliert in der menschlichen Gesellschaft,hat keinen Widerstand gegen die Macht des Bösen, auch treffend Teufel genannt. Aber die Verwendung solcher Begriffe weckt so viele Fehler, dass man sich nur so weit wie möglich von ihnen fernhalten kann.
Dies sind die Gründe, warum ich nicht eine umfassende und ausreichende
Erklärung zu Roland H. geben konnte, aber ich riskiere es mit Ihnen, weil ich aus Ihrem sehr anständigen und ehrlichen Schreiben schliesse, dass Sie einen Standpunkt erworben haben, der über den irreführenden Plattitüden steht, die man meistens über Alkoholismus hört.
Sie sehen, Alkohol heisst in Latein "spiritus", und wir verwenden das
gleiche Wort für die höchste religiöse Erfahrung wie auch für das am
meisten erniedrigende Gift. Die hilfreiche Formel ist daher: Spiritus contra
spiritum.
Ich danke Ihnen nochmals für Ihr freundliches Schreiben.
Ich bin nach wie vor mit freundlichen Grüßen,
C.G. Jung
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